Reden wir darüber

Wenn die Diktatur wiederkommt, dann wird sie sagen: "Danke Demokratie, dass Du für mich die optimalen Voraussetzungen geschaffen hast." [Thomas Köhler]

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Ich freue mich über ein Stück Normalität!

Wer mich kennt weiß, dass ich in einem Callcenter arbeite. Über 400 Kolleginnen und Kollegen sind eine überschaubare Anzahl von Menschen, aber auch ein ziemlich repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft. Von links positionierten Menschen – über die eher politisch desinteressierte „Mitte der Gesellschaft“ – bis hin zu (vorsichtig gesagt) konservativ denkenden Menschen sind alle vertreten und viele davon äußern sich auch mehr oder weniger lautstark zum Thema „Menschen auf der Flucht“. Im direkten Gespräch kann man reagieren, in den sozialen Netzwerken auch und manchmal ist es mir peinlich die Anschauungen einiger Menschen, die ich kenne und als KollegInnen schätze, zu hören oder zu lesen.

Aber genug davon und hin zur Normalität die mich freut.

Wir hatten gestern unser Firmenfest und vorher eine kurze Betriebsversammlung. Auf dieser sprach auch ein Vertreter der Geschäftsführung, nicht von der unseres Standortes – er kam von der „großen“ Geschäftsführung.

Leider habe ich nicht wörtlich mitgeschrieben was er sagte, aber sinngemäß erinnerte er die Kolleginnen und Kollegen daran, dass:

„Egal wie ihr zu der Flüchtlingsproblematik steht, einige der heutigen Flüchtlinge werden vielleicht in absehbarer Zeit eure Kolleginnen und Kollegen sein.“

Wie oben gesagt ist das die sinngemäße Wiedergabe. Er erhielt überwiegend Beifall.

Das ist Normalität die mir Hoffnung macht.

Die zweite ganz normale Sache ist, dass für eine demnächst stattfindende Veranstaltung Mitarbeiter gesucht wurden die eine Spendenhotline, freiwillig und außerhalb der Arbeitszeit, telefonieren. Der Andrang war groß und viele Kolleginnen und Kollegen tauschten ihre Dienste um daran teilnehmen zu können.

Die Veranstaltung für die die Spendenhotline gebraucht wird ist zum Thema „Hilfe für Flüchtlinge“.

Auch das ist Normalität über die ich mich freue.

Es ist ein Stück Normalität in Deutschland, in Sachsen, in Leipzig und erfreulicherweise in der Firma in der ich arbeite!

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Menschen auf der Flucht

Menschen, die vor Gewalt, Krieg, Tod und Elend fliehen, als Flüchtlinge zu bezeichnen ist sprachlich korrekt. Es kann aber dazu führen, dass vergessen wird – es handelt sich um Menschen mit individuellen Schicksalen. Diese Menschen mögen sich in ihrem Äußeren und einigen ihrer Gewohnheiten von den Einheimischen unterscheiden, aber nicht in ihrem Menschsein.

Es erschüttert mich besonders wenn sogar mir persönlich bekannte Menschen diesen Menschen auf der Flucht jegliche Hilfe verweigern oder sogar in Hasstiraden verfallen.

Besonders schlimm ist es, dass diesen Menschen kein Argument zu primitiv ist um die Menschen auf der Flucht zu diffamieren und ihnen kein geschichtlicher Vergleich zu abartig erscheint.

Kommen, wie in der Vergangenheit, hauptsächlich männliche Flüchtende zu uns, dann sind diese verantwortungslos – sie lassen Frauen und Kinder im Stich. Kommen wie heute Familien, dann ist das noch verantwortungsloser – sie gefährden ja Frauen und Kinder.

Der Vergleich mit der Nachkriegszeit (hier sind die Jahre nach 1945 gemeint) ist besonders perfide. „Unsere Großeltern und Eltern sind ja auch nicht einfach abgehauen“ tönt es da. Wohin auch, nachdem Europa in Schutt und Asche lag – durch eben jene die nicht abhauten? Und wer hat eigentlich den Deutschen, zumindest einem Teil, beim Wiederaufbau geholfen? Ja, es waren die ehemaligen Feinde.

Dieses „Glück“ haben die Menschen auf der Flucht z. B. aus Syrien nicht. Sie fliehen vor einem Krieg der von ihrer eigenen Regierung und vom IS gegen sie geführt wird. Sie haben keine Chance dem zu entgehen – außer durch Flucht.

Wohin fliehen diese Menschen? Die meisten nicht zu uns – die meisten fliehen in die Nachbarländer.

Seht euch die folgenden Zahlen mal an, auch wenn sie nicht ganz aktuell sind:

Die sieben größten Herkunftsländer von Flüchtlingen:

Syrien – 3,88 Millionen

Afghanistan – 2,59 Millionen

Somalia – 1,11 Millionen

Sudan – 648.900

Südsudan – 616.200

Demokratische Republik Kongo – 516.800

Myanmar – 479.000

Die sechs größten Aufnahmeländer von Flüchtlingen:

Türkei – 1,59 Millionen

Pakistan – 1,51 Millionen

Libanon – 1,15 Millionen

Iran – 982.400

Äthiopien – 659.500

Jordanien –  654.100

In Deutschland wurden 2015 bis Juli 195.723 Erstanträge auf Asyl gestellt. Die Bundesregierung rechnet mit bis zu 800.000 Menschen auf der Flucht die in diesem Jahr nach Deutschland kommen

Das ist ungefähr 1% der Bevölkerung Deutschlands. Es sind viele Menschen, aber vergleicht mal die Zahlen mit dem Libanon. Dort gab es 2013 etwa 4,5 Millionen Einwohner und es leben jetzt 1,5 Millionen Menschen auf der Flucht mit im Land. Ich erspare mir den Vergleich der Volkswirtschaften.

Da sind wir auch schon beim nächsten Argument: „Wir wirtschaften gut, sind fleißig und sparsam und jetzt kommen die und wollen daran teilhaben ohne etwas beizutragen.“ Ich habe hier versucht das Argument menschlich auszudrücken.

Unsere Wirtschaft läuft gut weil Deutschland eine exportorientierte Wirtschaft hat. So hat der syrische Diktator Luxusgüter, Waffen und andere Güter in Deutschland gekauft und damit unsere Wirtschaft mit angekurbelt. Eben jener Diktator vor dem die Menschen auf der Flucht sind. Auch der IS kämpft mit Waffen und Gerät deren Verkauf unseren Lebensstandard gesichert hat, auch wenn dieser „Islamische Staat“ diese erbeutet und nicht von uns gekauft hat.

Die Menschen auf der Flucht wollen hier auch nicht von unserem Erarbeiteten schmarotzen, sie wollen am liebsten in eine lebenswerte friedliche Heimat zurück. So lange sie das nicht können wollen die meisten sich ein eigenes Leben aufbauen. Wisst ihr, diese Menschen wollen leben und sie wollen arbeiten für dieses Leben.

Vielleicht haben einige ja genau davor Angst?

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