Reden wir darüber

Wenn die Diktatur wiederkommt, dann wird sie sagen: "Danke Demokratie, dass Du für mich die optimalen Voraussetzungen geschaffen hast." [Thomas Köhler]

Verkehr – eine Vison

ruhender Verkehr – Symbolbild

Intro

Einleitend sei gesagt, dass die deutsche Politik, nicht nur beim Thema Verkehr, scheinbar norddeutsch-protestantisch-nüchtern dominiert ist. Sie hat den Spruch, den Helmut Schmidt 1980 von sich gab, verinnerlicht:

Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“

Kurz gesagt: Wir leben in einer Krämer-Republik. Statt ein Ziel zu formulieren, die Lösung zu erarbeiten und dann die Finanzierung zu prüfen wird fanatisch auf das Geldsäckel geschaut und aus diesem heraus entschieden.

Dem zum Trotz schildere ich hier mal meine Vision vom innerstädtischen Verkehr in Leipzig. Wie alle Visionäre vernachlässige ich bewusst den Kostenfaktor und konzentriere mich auf das Ziel. Als erstes aber zu den Grundlagen meiner Betrachtung.

Eine Warnung noch an die geneigten LeserInnen: Nur das Gesamtpaket ist meines Erachtens nach sinnvoll. Die Einzelteile allein bringen keinen wirklichen Effekt.

Bestandsaufnahme

Fußverkehr

Die Verkehrs-Infrastruktur in Leipzig ist nur als desaströs zu beschreiben. Es folgt jetzt kein LVB-Bashing, ich fange mal bei dem Fußverkehr an und frage mich: „Was bewegt Menschen dazu, auch kurze Strecken mit dem Auto zurückzulegen?“ Wenn ihr sie fragt, dann bekommt man oft zu hören: „Bei schlechtem Wetter“ oder „mit den schweren Einkäufen“ – eher selten ist die Aussage „aus Bequemlichkeit“. Letztere wird vielleicht schamhaft verschwiegen, bei ersteren liegt jedoch oft der Grund im Zustand der Gehwege und Straßenquerungen. Nicht nur mobilitätseingeschränkte Menschen können diese Parcours kaum noch bewältigen, auch Menschen mit Kinderwagen, Einkaufshilfen (Einkaufstrolley u.ä.) oder auch Andis Tretroller haben da Probleme – zuletzt aber auch die „normalen“ FußgängerInnen. Die Gehwege sind Berg- und Talbahnen, bei Regen sucht man sich besser eine Furt und bei Schnee und Eis ist das Räumen nur bedingt hilfreich. Absenkung der Bordkanten im Kreuzungsbereich sind zu oft „natürlich entstanden“, das heißt sie senken sich zur Straße hin ab – haben aber eine Kante zum Gehweg hin. Was wir also als erstes brauchen, ist ein umfassendes Programm zur Sanierung der Gehwege im gesamten Stadtbereich. Das wäre für einige Menschen ein Anreiz kurze Strecken (oder auch den Weg zur Haltestelle) lieber zu Fuß zurückzulegen.

Ruhender Verkehr

Ich bleibe noch beim Fußverkehr und beziehe hier den ruhenden Verkehr mit ein. Die dicht an dicht abgestellten Fahrzeuge am Straßenrand, teilweise auf Gehwegen oder verkehrswidrig in Kreuzungsbereichen sind in mehrfacher Hinsicht für FußgängerInnen problematisch. Zunächst nenne ich hier den ästhetischen Aspekt. Unsere Straßen sehen oft aus wie ein Autofriedhof, die geparkten Autos behindern die Reinigung, die Müllabfuhr und verschandeln in der schieren Masse das gesamte Stadtbild. Es ist längst nicht mehr ein Zeichen des Wohlstandes der Gesellschaft wenn viele Autos in den Straßen parken – es ist unschön. Und es ist zudem auch noch gefährlich für FußgängerInnen, nicht nur für Kinder, wenn man eine Straße überqueren will und sich durch geparkte Autos schlängeln muss. Durch den Zuwachs des Bestandes an SUV‘s haben FußgängerInnen oft nur eine eingeschränkte Sicht. Wir brauchen also entweder weniger geparkte Autos oder weitgehende Parkverbote und alternative Parkangebote (Parkplätze und Parkhäuser) für AnwohnerInnen und BesucherInnen. Hier auch gleich eine Anmerkung: Abgestellte LKW haben im ruhenden Verkehr nichts zu suchen. Es ist nicht hinzunehmen, dass Speditionen ihren FahrerInnen „erlauben“, den LKW zu Hause abzustellen, um die Kosten für nicht vorhandene Firmenparkplätze einsparen zu können.

Fließender Verkehr

Entschuldigt den schlechten Scherz, von fließendem Verkehr kann man in Leipzig nur sprechen wenn man ein Stauwehr für eine bauliche Beschleunigungseinrichtung hält. Der Verkehr in Leipzig fließt nicht wirklich, aber die Autos bewegen sich halt irgendwie und kommen auch irgendwann an ihr Ziel. Die Gründe sind vielfältig, einer der Hauptgründe ist: „Die Stadt ist ursprünglich für Menschen angelegt, nicht für Autos.“ Das wäre dann auch ein erstrebenswertes Ziel. Weitere Gründe, also abgesehen von zu wenigen und zu engen Straßen, sind der ruhende Verkehr (s.o.), der schlechte Zustand der Straßen und die zu großen Teilen gemeinsamen Nutzung der Verkehrsflächen durch Autos und schienengebundene Fahrzeuge des ÖPNV (auch Straßenbahnen genannt). Ergo: Es gibt zu viele Autos die von A nach B wollen und zu viele Autos die diesen Weg, ob nun fahrend oder stehend, blockieren. Jedenfalls „Zu viele Autos“. Mehr ist hier nicht zu sagen.

Der ÖPNV

„Und er bewegt sich doch“ könnte man sagen, wenn man sieht wie die Straßenbahnen und Busse der LVB auf überfüllten Straßen im Autostau stecken. Der ÖPNV ist das platzsparendste und energieeffizienteste Verkehrsmittel um viele Menschen zu transportieren und er tut es. Ich weiß es nicht genau, aber ich schätze, dass der Anteil des ÖPNV am innerstädtischen Personenverkehr größer ist als der des motorisierten Individualverkehrs. Allerdings krankt er für mich an vielen Stellen. So ist die Linienführung (hier ist nicht die Gleislage gemeint) starr und beruht auf Festlegung aus den 1920er bis 1960er Jahren – sie führt von den Wohngebieten zu den nicht mehr vorhandenen Industriegebieten, aber immer über den Hauptbahnhof. Gleiches gilt für die Fahrpläne die immer noch so gestaltet sind, als ob Menschen zwischen 06.00 Uhr und 18.00 Uhr arbeiten und den Rest des Tages zu Hause verbringen oder sich zum Vergnügen fortbewegen. Das trifft die heutigen Mobilitätsbedürfnisse nicht mehr, ebenso wenig die Ausstattung der Fahrzeuge die geradezu den Transport von Gütern (hier meine ich Einkäufe u.ä.) behindert.

Der Fahrrad-Verkehr

Wer Ausführungen dazu vermisst, dem sei gesagt: Ich betrachte ihn und seine Einschränkungen genau wie den Fußverkehr. Bei allem Hype um Fahrräder meine ich, dass ein Fehlen von Radwegen, zugeparkte Radwege und alles weitere ausreichen beim Fußverkehr beschrieben sind. Deshalb keine weiteren Ausführungen dazu.

Vision

Verkehrsmittel der Zukunft

Entgegen der landläufigen Meinung ist es für mich nicht das autonome Elektro-Auto – warum nicht habe ich schon geschrieben. Diese ersetzen nur die bisherigen Autos, lösen aber kein Verkehrsproblem. Dennoch haben sie aus Umweltgründen ihre Berechtigung. Ich sehe Fußverkehr, ÖPNV und auch den Radverkehr in intelligenter Kombination als zukunftsträchtig an. Was brauchen wir dafür?

10 Minuten Regel

Sehen wir ab von Eigenheim-BesitzerInnen mit Garagen und den wenigen Neubauten in Leipzig mit Tiefgaragen, so brauchen StadtbewohnerInnen pro Fahrt, vor Fahrtantritt und nach der Fahrt, durchschnittlich 0 bis 10 Minuten für das Erreichen seines Fahrzeuges, bzw für Parkplatzsuche und Erreichen seines Endzieles vom Parkplatz aus. Die Zahl mag willkürlich erscheinen, aber sollte die Realität einigermaßen abbilden. Wir brauchen also, um den ruhenden Verkehr aus dem öffentlichen Verkehrsraum zu entfernen, ausreichende und bezahlbare Parkhäuser und/oder Parkplätze die für AnwohnerInnen (feste Mietparkplätze) und BesucherInnen durchschnittlich maximal 10 Minuten Fußweg vom Wohnort oder Fahrziel entfernt sind. In Folge werden durchgängig eingeschränkte Halteverbote (Zeichen 286 StVO) eingerichtet. Ausnahmen wie Behindertenparkplätze sind natürlich vorgesehen. LKW und Transporter gehören auf Firmenparkplätze – ohne Ausnahme. Der ruhende Verkehr verschwindet sowohl aus Haupt- als auch aus Nebenstraßen. Eine Anmerkung noch: „Es gibt keinen Rechtsanspruch auf einen Parkplatz vor der Haustür.“

Gehwegsanierung

Wie im Abschnitt Fußverkehr beschrieben, sind die Gehwege in desolatem, oder auch desaströsem Zustand. Dringend, auch um die Akzeptanz für vorstehende 10 Minuten Regel zu schaffen, ist eine Sanierung der Gehwege. Menschen müssen sich dort ohne Stolperfallen und auch mit Rollatoren, Gehhilfen, Rollstühlen, Kinderwagen usw. ungehindert bewegen können. Das gilt nicht wie jetzt für einige bevorzugte Bereiche – das muss überall gelten.

Smart – elektrisch – autonom

Das sollte die Devise des ÖPNV sein. Ja die Straßenbahn ist elektrisch, aber sonst? Warum soll die Straßenbahn, Busse lasse ich momentan aus, nicht autonom fahren? Angeblich soll eine KI ein Auto im laufenden Verkehr sicher steuern können – da müsste ein schienengebundenes Fahrzeug doch erst recht autonom fahren können. Schluss mit „zu wenige StraßenbahnfahrerInnen“ oder „zu hoher Krankenstand“ – die KI fährt immer. Smart wäre es, wenn die Streckenführung der Bahnen den Bedürfnissen angepasst würde (s.o. ÖPNV). Auch wechselnde Linienführungen nach Tageszeiten oder Wochentagen sind möglich mit smarter Steuerung, ebenso der bedarfsgerechte Einsatz langer und kurzer Wagenzüge. Haltestellenabstände, Taktung der Zugfolge und, wie bereits beschrieben, die Ausstattung der Fahrzeuge müssen den Bedürfnissen angepasst werden. Der barrierefrei Zugang zu den Haltestellen ist erst in Verbindung mit der o.g. Gehwegsanierung wirklich sinnvoll und nutzbar. Um das zu schaffen muss natürlich das Schienennetz saniert werden, mit besonderer Beachtung der Weichensteuerung – ohne das ist weder autonomes Fahren noch smarte Linienführung möglich. Die Busse profitieren automatisch vom Wegfall des ruhenden Verkehrs und bilden die Verbindung von Gebieten ohne Straßenbahn zu dieser. Eine Verbesserung des Zuganges zum S-Bahnnetz ist ebenfalls erforderlich. Der ÖPNV muss das Rückrat des innerstädtischen Personenverkehrs werden – er muss bezahlbar sein und die EinwohnerInnen und BesucherInnen motivieren ihn zu nutzen.

Pendlerverkehr

Viele BerufspendlerInnen kommen täglich mit dem Auto nach Leipzig, mein Thema umfasst hier nicht den Fernverkehr deshalb gehe ich davon aus, dass sie weiter das Auto nutzen müssen. Die meisten haben an ihrer Arbeitsstelle keinen Firmenparkplatz – die Autos gehören also i.d.R. 8 – 10 Stunden täglich zum ruhenden Verkehr. Hier wäre Abhilfe zu schaffen mit Pendlerparkplätzen am Übergang von Fernverkehrsstraßen zum ÖPNV. Grundlage ist natürlich die Erreichbarkeit für PendlerInnen, der kurze Übergang zum ÖPNV und die Bezahlbarkeit. Denkbar wäre ein Abo-Modell für Parkplatz und ÖPNV-Nutzung. Ansonsten bleibt die Möglichkeit der Miete in Parkhäusern am Arbeitsort.

Durchgangsverkehr

Der Durchgangsverkehr muss eingeschränkt werden. Im Falle des LKW-Verkehrs lässt sich das einerseits mit großflächigen Tonnage-Beschränkungen für Straßen regeln, die selbstverständlich durchgesetzt werden müssen. Sondergenehmigungen für Baufahrzeuge u.ä. sind natürlich möglich. Um Durchfahrten zu vermeiden wäre auch die Befreiung von der Maut bei Stadtumfahrungen möglich. Das gehört aber auf die Bundesebene.

Lieferverkehr

Der existierende und wahrscheinlich anwachsende Lieferverkehr für Handelseinrichtungen und Haushalte stellt in meinem Szenario, durch den Wegfall des ruhenden Verkehrs, nicht mehr das heutige Problem dar. Trotzdem ist über alternative Transportarten wie Fahrradkuriere, E-Transporter aber auch eine Reduzierung durch z.B. Abholzentren erforderlich. Bei der Belieferung von Supermärkten soll überprüft werden, ob die Belieferung per 40-Tonner erforderlich ist.

Motorisierter Individualverkehr

Haben wir die vorstehenden Bedingungen geschaffen, dann wird dieser sich reduzieren – das ist meine Prognose. Ich will weder den Besitz noch die Nutzung von Autos verbieten noch per Verordnung einschränken. Mit einer „10 Minuten Regel“ und einem funktionierenden attraktiven ÖPNV wird zumindest für die „zum Autofahren gezwungenen Menschen“ das Fahren mit diesem unattraktiv. Wahrscheinlich werden einige das im Parkhaus stehende Auto perspektivisch, mangels Nutzung, abschaffen. Wenn das in größeren Anzahlen passiert kann man die Parkhäuser dann wieder reduzieren. Aber bis dahin eine strikte 30 km/h Beschränkung auf Nebenstraßen, die Durchsetzung der 50 km/h Beschränkung auf Hauptstraßen und die Ampelregelung mit Vorfahrt für den ÖPNV.

Sonstige Verkehrsmittel

Jetzt kommt das Fahrrad und auch die von unserem Verkehrsminister geliebten Elektro-Kleinstfahrzeuge. Durch den weitestgehenden Wegfall des ruhenden Verkehrs lassen sich Radwege für die Nutzung dieser Verkehrsmittel schaffen, die Straßen werden für diese sicherer und überhaupt nutzbar. Auch hier halte ich keine weiteren Ausführungen für notwendig.

Fazit und science fiction

Eine Verkehrswende in der Stadt ist nötig und auch möglich. Wie einleitend bemerkt habe ich hier bewusst auf die Betrachtungen zur Finanzierung verzichtet. Erstens ist es nicht mein Gebiet und zweitens sollte die Herangehensweise in der Reihenfolge Vision –> Plan –> Finanzplan erfolgen.

Ein Wort zu Arbeitsplätzen sei mir gestattet, die einzigen Arbeitsplätze die hier gefährdet sind betreffen die Straßenbahnfahrer. Aber insgesamt würde der ÖPNV eher mehr als weniger Arbeitskräfte benötigen. Autonome Straßenbahnen fahren zwar ohne menschliche Fahrer, es werden aber in Verkehrsleitstellen qualifizierte Arbeitskräfte benötigt und auch in den Bahnen wird es Begleitpersonal geben. Ansonsten werden größere Anzahlen von Instandhaltungs- und Instandsetzungskräften benötigt.

Die Digitalisierung der Schienenwege wird einen großen Kraftaufwand benötigen. Ich habe bereits die Weichensteuerung erwähnt, zum autonomen und smarten Betrieb allein der Straßenbahn wird aber auch Sensorik benötigt, sowohl für den Fahrbetrieb als auch für die Ampelschaltungen.

Es stellt sich letztendlich nicht die Frage nach wegfallenden Arbeitskräften – eher die: Wo nehmen wir die Arbeitskräfte für den Umbau her?

Der Aufwand lohnt sich aber, denke ich.

Science fiction

Wir haben jetzt eine Stadt mit intakten Fußwegen, einem funktionierenden ÖPNV, Platz für Fahrräder und Elektro-Kleinstfahrzeuge und einem gemäßigten Autoverkehr. Sollen nun die Menschen wieder mit Tüten, Netzen oder mit Handwagen über die Fußwege hasten um ihre Einkäufe zu erledigen? Sollen das Lieferdienste übernehmen?

Vielleicht stehen aber bald in den Supermärkten keine klassischen Einkaufswagen mehr sondern Transportroboter wie der kleine von starship – die uns die Einkäufe nach Hause bringen. Besser betuchte Menschen können dann natürlich mit ihrem getunten Roboter einkaufen – also dem Äquivalent zum SUV nur mit geringerem Platzbedarf.

Finanzierung

Hier schließe ich meine Betrachtungen – vielleicht sollten wir mal darüber nachdenken, einen Plan machen und dann anfangen zu rechnen. Was bringt es und was kostet es – an Lebensqualität und ganz zum Schluss „Was bringt es für die Umwelt“.

Ich hoffe, bei der Berechnung der Kosten werden nicht zuerst „Experten“ eingestellt, die für viel Geld ein erwünschtes Ergebnis liefern.

Bisherige Artikel zum Thema Verkehr:

Stadtentwicklungsplan Verkehr und öffentlicher Raum

Stadtentwicklungsplan Verkehr und öffentlicher Raum 2

Stadtentwicklungsplan Verkehr und öffentlicher Raum 3

Stadtentwicklungsplan Verkehr und öffentlicher Raum 4

Verkehrspolitik – Abschluss und Fragen

Weniger Autos in Leipzig – Die Grünen

Autos können die Welt nicht retten, oder?

Andreas und der Elektro-Roller

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