Reden wir darüber

"Sollte am Ende noch Zeit sein, will ich mich nicht fragen, warum ich sterben muss, sondern wissen, warum ich gelebt habe" [A. Pflüger]

Erlebnisse mit Migranten

In Abwesenheit:

Am Donnerstagmorgen waren beim „Dealer meines Vertrauens“* die üblichen Kunden, also Hartz IV Empfänger, Frührentner und andere „Normalbürger“, anwesend. Während ich meine Drogen kaufte fiel der Satz „Da bin ich aus der Straßenbahn wieder raus, ist nicht auszuhalten mit den vielen Ausländern“. Ich bin ja auch nicht glücklich, dass nach der Spätschicht die Bahnen voll mit schnatternden, grölenden und telefonierenden Menschen sind. In welcher Sprache es lärmt ist mir egal. Die dicken schwitzenden Einheimischen sind manchmal lästiger als jeder Migrant. Es gibt auch schöne Augenblicke, wenn zum Beispiel ein nordafrikanisch aussehender Macho, mit Goldketten und allen anderen Accessoires, zärtlich in sein Telefon flötet und man deutlich hört, dass am anderen Ende ein Mann ist. Auch der ältere Araber zählt dazu, der in strengem Ton pöbelnde arabisch aussehende Jugendliche zurecht wies. Diese haben sogar auf ihn gehört, was im Falle einheimischer Jugendlicher meist weniger funktioniert. Also: nicht alles gut – aber keinesfalls so schlecht, wie der besorgte, oben zitierte, Bürger es sieht.

In Anwesenheit:

Beim Warten auf die Straßenbahn, am Samstag gegen 21.30 Uhr am Leipziger Hauptbahnhof, stand neben mir eine junge rothaarige Frau. Zwei arabisch aussehende Jungs (vielleicht 17 Jahre alt) stellten sich vor sie und sprachen sie an. Sie hielten aber Abstand. Ich lauschte natürlich nicht, konnte aber große Teile des Gesprächs verstehen. Sinngemäß ging das so: „Darf ich Dir sagen, dass Du wirklich hübsch bist?“ – sie lächelt (macht einen entspannten Eindruck) „Danke“ – „Mein Freund hier ist … (kann ich nicht verstehen) er wird einmal berühmt.“ – skeptisches Lächeln – „Wir werden beide berühmt in Leipzig! Gibt es berühmte Leipziger?“ – „Ja … (Name sagt mir nichts) ist auf Instagram berühmt.“ – „Auf Instagram ist das keine Kunst, ich habe einen Freund der kann Dir 10.000 Follower besorgen. Auf Youtube ist das schon was anderes.“ – sie lächelt wieder, die Bahn kommt „Meine Bahn, tschüss“ – „Tschüss, Du bist wirklich hübsch!“ Wir stiegen in die gleiche Bahn, die Frau und ich. Ich hätte sie gern gefragt, ob sie sich durch die Jungs belästigt gefühlt hatte. Der Augenschein sagte aber, sie war gelassen und leicht belustigt über den Flirtversuch. Also habe ich darauf verzichtet. Die Jungs machten, aus dem Fenster gesehen, ebenfalls einen zufriedenen Eindruck. Sie hatten eine Frau angesprochen, mit dem altersbedingt üblichen pfauenhaften Gespreize und der ebenso üblichen Unsicherheit, und waren nicht abgewiesen worden. Ein Flirtversuch, ein Lächeln und Tschüss – vielleicht haben sie ja mal Glück und bis dahin üben sie. Es gab kein Bedrängen, keine Anzüglichkeiten – Jungs eben. Nicht anders als überall – Alltag in Leipzig eben.

* Der “Dealer meines Vertrauens“ handelt staatlich lizenziert mit Drogen, sprich Alkohol und Tabak, in einem Ladengeschäft.

Das Ende des Callcenters

Der Artikel mit diesem Namen ist als Gastartikel im Blog der 3C Dialog erschienen.

Vielen Dank an die Kolleginnen und Kollegen in Köln, die mir das ermöglicht haben. Stellvertretend seien hier Alexa Brandt und Walter Benedikt genannt.

Bildquelle 3C Dialog

Customer service – what else?

George Clooney und ich sind sozusagen Kollegen – als Markenbotschafter für große Unternehmen.

Was uns verbindet? Wir müssen das Produkt der Unternehmen nicht wirklich mögen und nutzen.

Was uns unterscheidet? George ist bekannt und bekommt für die Verbreitung der Botschaft ein (nicht weiter definiertes) Vielfaches an Geld.

Ich bin für den Kunden eine Stimme am Telefon – George ist ein Gesicht auf dem Bildschirm.

Wer ist im täglichen Leben wichtiger für die entsprechende Marke?

Glücklicherweise sitze ich nicht an der „What else“-Hotline, sonst müsste ich mir eventuell Klagen darüber anhören, dass man auch mit dem George-Produkt nicht erfolgreich bei Frauen wird und ähnlichen Unsinn.

Ich denke da immer an Manfred Krug und seine Werbung für die Telekom-Aktie. Seine Antwort:

Die Börse ist mal hoch, mal niedrig – wie der Arsch von Kaiser Friedrich!“,

auf Beschwerden bei Börsenverlusten ist legendär und zeigt die Stellung des (zu) hoch bezahlten Markenbotschafters zur Marke.

Die (zu) niedrig bezahlten Markenbotschafter, also meine KollegInnen und ich, können natürlich nicht so handeln. Im täglichen Kundenkontakt gilt „Unsere Marke ist hervorragend, es gibt natürlich vereinzelt Herausforderungen.“ Von Problemen zu sprechen ist schließlich destruktiv und könnte die KundInnen verunsichern.

Als Markenbotschafter im täglichen Umgang mit enttäuschten und genervten KundInnen geben wir unser Bestes – doch weder wird es von der Marke, sprich dem Unternehmen, anerkannt noch von den Kunden gewürdigt.

Warum machen wir das?

Wir sind eben Profis – das verbindet uns nun wieder mit George.

What else?

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